Zum Jahre­sausklang wieder mal ein falsches Zitat in der Lokal­presse:

„Sei du selb­st, denn alle anderen gibt es schon.“

Oscar Wilde (1854 – 1900), irischer Schrift­steller, Lyrik­er, Roma­nau­tor, Dra­matik­er und Kri­tik­er

Auch hier gibt es schon eine Analy­se im englis­chsprachi­gen Bere­ich:

There is no sub­stan­tive evi­dence that Oscar Wilde made this remark.

Vielschichtiger Schmök­er in drei Teilen in alt­bekan­nter Manier von John Irv­ing. Der erste Teil des Buch­es ist als Spielfilm mit Kim Basinger und Jeff Bridges übri­gens auf YouTube zu sehen. Den Schinken woll­te ich erst über Momox ver­scher­beln, dann gab es da aber so wenig Asche, dass er im Büch­er­schrank besser aufge­hoben ist:

So viele Bücher haben wir hier ja dieses Jahr noch gar nicht raus­ge­hauen, da bessern wir uns mal auf den let­zten Metern und hauen täglich welche raus. Ange­fan­gen mit Kants Kri­tik der reinen Ver­nun­ft — selb­stver­ständlich bei­de Bän­de der Suhrkamp-Aus­gabe-, an die sich jed­er mal trauen darf. Ob man dem gehobe­nen Philosophen­sprech nun fol­gen kann oder nicht, das ist sowas von ein Kul­turerbe, da soll­te man unbe­d­ingt mal reingeschmök­ert haben.

Ein paar Tage beg­nügte man sich bei der IVZ mit belan­glosen Zitaten irgendwelcher Unbekan­nten, aber das befriedigt eben nicht auf Dauer, deswe­gen mit Won­ne mal wieder zurück zu den Fake-Zitaten:

Ich fange an mit Eroberun­gen. Gelehrte wer­den mir später bestäti­gen, dass ich im Recht war.“

Friedrich II., der Große (1712 — 1786), preußis­cher König, “Der alte Fritz„

… passt vielle­icht besser zu Putin als zum alten Fritz und — warum auch immer man so ein Ignori­eren von beste­hen­den Geset­zen unter “Das gefiel uns” einord­net — es kommt in dessen schriftlichen Hin­ter­lassen­schaften genau 0 Mal vor. Schön auch die unter­schiedliche Anführungsstriche, damit man auch noch ein­mal klar belegt, dass hier nur Copy&Paste zum Ein­satz kommt.

Und eben­so wenig kommt

Ein Fre­und ist ein Men­sch, der die Melodie deines Herzen ken­nt und sie dir vor­spielt, wenn du sie vergessen hast.“

Albert Ein­stein (1879 – 1955), the­o­retis­cher Physik­er

von besagtem Wis­senschaftler, legt man dessen schriftlichen Nach­lass und Zitierun­gen Drit­ter zu Grun­de.

Kom­men wir nun zur Ver­lei­hung des Mar­io-Barth-Preis­es für hem­mungslos vergeigten Aufk­lärungsjour­nal­is­mus. Er geht in diesem Jahr, etwas über­raschend, in der Sparte Ibben­büren an die Neue Osnabrück­er Zeitung für den Artikel “79-Jährige auf Fried­hof verge­waltigt: Prozess begin­nt Dien­stag”.

Die Neue Osnabrück­er Zeitung hat fünf Monate nach ein­er Verge­wal­ti­gung auf einem Fried­hof eine Jour­nal­istin und einen Fotografen zu besagtem Fried­hof geschickt, um vor Ort Stim­mungen einz­u­fan­gen, wobei diese auf die schmutzige Scheibe ein­er Über­sicht­stafel stießen, sowie auf einen zufäl­lig anwe­senden Fried­hofs­be­sucher, der eine Grab­stät­te sauber machte. Zwei Gegeben­heit­en, die mit dem eigentlichen The­ma nicht im Ger­ing­sten etwas zu tun haben. Und nicht nur das:

Zwei stein­erne Engel wen­den der Wiese ihre Rück­en zu.

Und hät­te die Jour­nal­istin genauer hin geschaut, hät­te sie am Him­mel auch eine blaue Tele­fonzelle rum­fliegen sehen.

Wie eine kleine Lich­tung liegt sie da, einger­ahmt von Gräbern. Das kalte, nasse Moos bedeck­en braune Eichen­blät­ter. Vögel zwitsch­ern, in der Fer­ne rauschen Autos vor­bei. Eine Kirchen­glocke läutet.

In Chi­na fällt ein Sack Reis um. Erschüt­ternd, was daraus geschlossen wird:

Heute erin­nert nichts mehr an die Tat.

Was die Jour­nal­istin wohl gerne gese­hen hät­te? Die Szener­ie ist in etwa so trost­los wie die Beruf­sauf­fas­sung der bei­den Jour­nal­is­ten, die ger­ade auf dem Ibben­büren­er Fried­hof ste­hen und von braunen Eichen­blät­tern bedeck­tes, kaltes, nass­es Moos als Sinnbild ihres Artikels ent­deck­en. Als ob der Ort der Verge­wal­ti­gung das eigentlich Schreck­liche an dieser Tat wäre.

Vor einiger Zeit standen hier noch weit­ere Gräber.”

Früher war mehr Lamet­ta, Alko­hol macht Birne hohl und mor­gen ist auch noch ein Tag. Warum man über­haupt die Ste­hgräber in Ibben­büren abgeschafft hat — ein weit­eres Rät­sel. Aber bleiben wir beim Text.

Der ist auch deswe­gen so preiswürdig, weil nach dem Inhalt auch die Gram­matik aus dem Gleis hüpft:

Nun dürfte die Debat­te nun von neuem begin­nen wird (…)

Schüt­teln Sie sich mal selb­st den Satz so, dass er passt.

(…) par­al­lel zur Diskus­sion über die Verge­wal­ti­gung und mut­maßliche Ermor­dung ein­er Stu­dentin durch einen 17-jähri­gen Flüchtling in Freiburg.

hofft orakelt die Jour­nal­istin, deren Spür­nase nicht ent­ge­ht:

Selb­st in Boule­vardme­di­en sind keine Infor­ma­tio­nen zu find­en, die über die Pressemit­teilung von Polizei und Staat­san­waltschaft hin­aus­ge­hen – alle hal­ten dicht.

Nicht so unsere Bildzeitungsle­ser­in Jour­nal­istin: Sie deckt auf, wenn Über­sicht­stafeln schmutzig sind und unbeteiligte Pas­san­ten Beweise ver­nicht­en Laub wegharken.

Seite 4 von 95« Erste...23456...102030...Letzte »