Ges­tern waren wir bei der zwei­ten Talk­runde von Staf­fan Val­de­mar Holm mit Vom Rit­chie (Groß­bri­tan­nien, Schlag­zeu­ger (Die Toten Hosen)), Kyoko Jas­tram (Japan, Musik-Lehrerin), Fio­rella Falero Rami­rez de Ent­ner (Peru, Studentin/Garderobenpersonal), Iraj Farzi Kah­kash (Iran, Büdchen-Inhaber) dar­über, wie man in Düs­sel­dorf stran­det und wieso man es inzwi­schen mag. Das For­mat ist sowas wie ein Selbst­läu­fer. Man bekommt schw­ere wie auch lus­tige Geschich­ten über die Auf­brü­che in die Fremde zu hören. Man lernt lebens­lus­tige Men­schen ken­nen, an denen man sonst viel­leicht ein­fach nur vor­bei läuft. Dabei kommt die Frage, was an Düs­sel­dorf so toll sein soll, schon fast zu kurz, aber was will man auch sagen? Aus dem Publi­kum kam die ver­suchte Erklä­rung: “Clau­dia Schif­fer.”, wor­auf­hin Holm meinte: “Das kann es nicht sein.”

Viel­leicht gibt es nicht sol­che Gründe, viel­leicht gibt es nur die geleb­ten Erfah­run­gen, die alle Gäste vor­zu­wei­sen haben. Denn es springt ins Auge, dass alle, die auf der Bühne sind, so höf­lich wie offen sind, wenn es um die Geschich­ten der ande­ren geht. Vom Rit­chie erzählt, wie er mit sei­ner Locker­heit stu­ren Münch­ner Poli­zis­ten begeg­net, die seine abge­lau­fene Auf­ent­halts­er­laub­nis mit “Scheiße, Scheiße, Scheiße” kom­men­tie­ren. Fio­rella Falero Rami­rez de Ent­ner beschreibt, wie sie ohne irgend­wie deutsch zu kön­nen nach Deutsch­land kommt, und dort ihr ers­tes Date mit einem Taschen­wör­ter­buch bewäl­tigt. Kyoko Jas­tram erzählt über die musi­ka­li­sche Größe Deutsch­lands, die vor Ort doch etwas anders aus­sieht. Und Iraj Farzi Kah­kash berich­tet dar­über, wie er im Iran die Revo­lu­ti­ons­be­stre­bun­gen unter­stützt hat, Krieg mit­er­lebt hat und schließ­lich in die DDR kommt, und eines Tages von einen Schleu­ser in West-Berlin aus­ge­setzt wird – ohne die Spra­che zu kön­nen oder irgend­je­man­den zu ken­nen.

Also ein ganz groß­ar­ti­ges For­mat, das Holm da aus dem Ärmel geschüt­telt hat, und bei dem an die­sem Abend auf­fiel, dass weder der Begriff “Die Toten Hosen”, noch der Begriff “Inte­gra­tion” ein ein­zi­ges Mal gefal­len ist. Wenn er es jetzt noch schafft, dem Düs­sel­dor­fer Publi­kum das Klat­schen bei­zu­brin­gen, ist ihm ein Denk­mal sicher.

Vor zwei Wochen habe ich aus­ländis­che Gäste in Ibben­büren zum Essen aus­ge­führt. Auch keine ganz so leichte Auf­gabe, diverse Ange­bote erfül­len nicht ganz den Wun­sch nach etwas, was es so oder so ähn­lich nicht über­all in der Welt gibt. Die Wahl fiel dann auf das Etab­lisse­ment, was viele als erstes benen­nen, wenn man einen der­ar­ti­gen Wun­sch äußert. Der Abend ver­lief dann auch aus­ge­sprochen heiter und angenehm. Bis wir die Gast­stätte ver­ließen, um noch einen kurzen Spatzier­gang durch die Stadt zu machen.

Denn auf dem Oberen Markt ran­nte uns ein kleiner Nazi ent­ge­gen, wollte wohl noch provozieren, aber da wir nicht reagierten, wandte er sich irgend­wann Schlüs­sel klimpernd ab. Nichts­destotrotz — als Gast­ge­ber ärg­ert man sich über diesen Stem­pel, den der Abend den­noch bekom­men hat.

Denn eigentlich wird man von sowas im Mün­ster­land ja kaum belästigt, die NPD ist hier gefühlt nicht exis­tent. All­t­agsras­sis­mus? Sicher vorhan­den, aber immer noch aus­re­ichend Gegen­stim­men.

Aber man muss sich vielle­icht in der Prov­inz davon ver­ab­schieden, Ras­sis­mus immer nur also lokales Prob­lem aufz­u­fassen. Am Klein-Nazi, der uns da bedrängte, war zu erken­nen, dass ihm die Innen­stadt zumin­dest etwas fremd war, weswe­gen er sich schließlich in eine Gasse ver­ab­schiedete, die sonst nie­mand ein­schla­gen würde. Gibt es also eine Art Touris­mus, sich dort rebel­lisch aufzuführen, wo man kaum auf Wider­stand trifft, wenn ander­norts der Wider­stand zu groß ist? Hof­fentlich nicht, man wird es aber im Auge behal­ten müssen.

am 24.01.2012 von unter Lokalteil abgelegt. | 2x kommentiert